Band Biographie - 26 Jahre deutsches Pop-Niveau

»Was bleibt übrig von ’nem Vierteljahrhundert Rap?« Eine berechtigte Frage. Gestellt wird sie auf dem neunten Album einer Band, deren Präsenz für uns heute so selbstverständlich ist, dass man sich die Tragweite dieses Jubiläums erst einmal vergegenwärtigen muss. 1987 gegründet als The Terminal Team, umbenannt in Die Fantastischen Vier im Jahr von »Looking For Freedom« (hier) und »3 Feet High And Rising« (dort), ist diese Band mit knapp sieben Millionen verkauften Einheiten, sieben Platin-Auszeichnungen und ausverkauften Hallen eine der ganz großen Pop-Geschichten und zugleich Deutschlands dienstältester Rap-Act.

Fanta4 1994 Bandbio Die Fantastischen Vier
Fanta4 1993 Bandbio Die Fantastischen Vier Biografie

Ihr Debüt war 1991 das erste durchgehend deutschsprachige Rap-Album, mit ihren ersten großen Erfolgen waren sie bald eine offene Provokation für eine noch unentspannt dogmatische deutsche HipHop-Szene. Erst mit einigem Abstand wurde klar, was für eine nachhaltige Entwicklung dieser Konflikt in Bewegung setzte, und wie wichtig das daraus entstehende Selbstbewusstsein für eine Subkultur war, die heute ganz selbstverständlich im Mittelpunkt zu stehen gelernt hat.

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Die Fantastischen Vier etablierten sich in der Folge als immens wandlungsfähige Band, für die Subversion, Selbstironie und große Gesten nie Widersprüche waren. Mit der Gründung des Labels Four Music und der Booking-Agentur Four Artists, deren Relevanz bis heute ungebrochen ist, untermauerten die Vier früh ihre HipHop-Verbundenheit mit sicherem Geschäftssinn. Die Floskel vom Geschichteschreiben mag längst abgegriffen sein, aber der popkulturelle Einfluss der Fantastischen Vier bleibt unbestritten.

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Jenseits all der Superlative und kulturellen Wechselwirkungen sind Die Fantastischen Vier aber auch ein soziales Phänomen. In einer ganz ursprünglichen Ausprägung menschlicher Zusammengehörigkeit sind sie eine Gruppe, die schlicht aus einem gemeinsamen Interesse heraus eine instinktive gegenseitige Loyalität entwickelt hat, die nur in wenigen anderen Bands so stark zu spüren ist. Diese gemeinsame Identität von vier so unterschiedlichen Charakteren besteht unabhängig von Ort und Zeit, in Abgrenzung von allen äußeren Umständen: Es gibt nur Thomas, Smudo, Andy, Michi. Es geht nur um die Vier. Und das ist auch der Grund dafür, dass es die Vier so lange gibt.

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Dabei ist die Trennung ebenso wichtig wie das Miteinander. Wenn die Vier einander nicht immer wieder bewusst den Rücken kehren könnten, um ihre eigenen Leben zu leben und neue, individuelle Motivation zu sammeln, wer weiß, wie die Zeit ihnen dann mitgespielt hätte. Die Musikgeschichte kennt jedenfalls mehr als genug tragische Beispiele. Dass nach all dieser Zeit tatsächlich erst das neunte Studioalbum ansteht, ist eine Konsequenz dieser Dynamik. Andere Künstler mögen es da eiliger haben. Aber jedes Album steht zugleich für eine neue Ausgangsposition als Band, für einen Zeitpunkt, an dem die Vier wieder gemeinsam etwas zu sagen hatten. Dieser kritische Zeitpunkt lässt sich nicht planen, er passiert.

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Auf »Rekord«, diesem neunten Album, gehen Die Fantastischen Vier mit den letzten 25 Jahren und ihrem ungebrochenen Popstartum ganz unaufgeregt um. Klar, die einleitende Ansage »25« lassen sie sich nicht nehmen. Sie stellen aber auch schnell klar, wie wenig sich die Dinge ändern, wenn man nur den Moment, das »Heute«, als Bezugspunkt ernst nimmt. Dieser hedonistische und unmittelbare Blick auf das Leben zieht sich durch das vorliegende Album wie durch die ganze Karriere der Fantastischen Vier. Immer wieder durchscheinende Melancholie kippt nie in Selbstmitleid, Intimität geht ohne Kitsch und in der Bewegung liegt immer noch die Kraft.

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Das neue und zehnte Studioalbum der Fantastischen Vier heißt „Captain Fantastic“. Captain Fantastic ist dabei ein anderer Typ als Elton Johns Kunstfigur aus dem Jahr 1975, und er ist ebenfalls ein anderer als Viggo Mortensens Filmcharakter im gleichnamigen Comedydrama von 2016. Captain Fantastic ist auch keine Comicfigur aus einer der weniger bekannten Ecken des Marvel-Universums, auch wenn der Name tatsächlich nach einem angenehm unneurotischen Superhelden ohne nennenswerte Erzfeinde klingt. Er ist auch keine Person. Er ist nicht einmal eins von diesen Wortspielen auf der Grenze zwischen Spaß und Ernst, mit denen Die Fantastischen Vier in der Öffentlichkeit über ihren Legendenstatus scherzen würden. Captain Fantastic ist eine Geisteshaltung.

Ein guter Geist, ein Spirit, eine Attitüde, die vorgibt: Vergesst alle Konventionen und Erwartungshaltungen. Es ist ein Apell an die künstlerische Freiheit und als unsichtbare Superkraft eint er die Band und ihre Höreschaft seit bald 30 Jahren.